Mühlen mit extremen Fallhöhen. Ein Bericht zu den Wassermühlen von Plakias und Mirthios auf Kreta

UWenn man vom bekannten Badeort Plakias an der kretischen Südküste das Flussbett des Kotsifos hinauf wandert so kommt man nach ca. 500 m am Talhang zur ersten Mühle. Die Leitungsmauer mit dem rechteckigen massiven Wasserschachtturm am Ende ist nicht zu übersehen. Leitungsmauer und Turm bestehen aus teils eher regelmäßigem, kleinteiligen, teils unregelmäßigem, groben Bruchsteinmauerwerk. Der Verputz ist teilweise noch erhalten.
Die Balkenrüstlöcher an der Mauer wie dem Turm sind in mehreren Lagen gut zu erkennen.
Die Leitungsmauer, die den Höhenunterschied vom Hanggerinne bis zum Wasserschachtturm überbrückt ist auf mehr als 20 m Länge mehrere Meter tief eingebrochen. Als wir die Mühle im Jahre 1997 erstmals aufsuchten, war die Leitungsmauer noch in voller Länge intakt. Hier zeigt sich, dass die Leitungsmauer, wie bei vielen kretischen Mühlen, bei weitem nicht so sorgfältig aufgemauert wurde wie der massive Wasserschachtturm (Arubah). Das eigentliche Mühlenhaus war allerdings auch 1997 schon genauso vollständig verschwunden, wie wir es aktuell vorfanden.
Anders als man es in einem Web-Beitrag lesen kann, handelt es sich bei den am Fuß des Arubahs sichtbaren Rohrauslässen nicht um Düsenauslässe des Wasserdruckschachts der Mühle. Dagegen spricht, dass sie a) nicht durchgängig sind und b) ihre Lage seitlich des Schachts in der Stirn- und Seitenmauer.
Es sind vielmehr steinerne Ringelemente, aus denen der eigentliche Schacht im Turm aufgemauert war und die bei einem Neubau von Mühlenhaus und Turm einmal vor langer Zeit in diesen Mauern eingebaut worden waren. Mit einem Lasermeßgerät gelang es auch die Höhe des Turms zu messen, wobei sich herausstellte, dass die Schätzung vom Jahre 1997 mit 15 m zu hoch gegriffen war. Die Höhe vom aktuellen Bodenniveau zum Schachteinlauf beträgt nicht mehr als 11 m. Da die ehemalige Radkammer verschüttet ist kann die Druckhöhe nach wie vor nur geschätzt werden auf ca. 12-13 m.

Wenn man dem Weg nach Norden in die Schlucht hinein folgt, gelangt man nach ca. 1 km zur nächsten Mühle, die unterhalb des Bergdorfes Mirthios liegt. Dabei handelt es sich um einen Komplex von zwei Mühlen. Da das Wasser der oberen Mühle aus deren Radkammer über eine Gerinne-Brücke direkt zum Wasserschacht der nächst unterhalb gelegenen Mühle geleitet wird, können wir hier von einer Mühlenkaskade sprechen. Obwohl auch hier der Wasserzulauf unterbrochen ist und die eigentlichen Mühlengebäude nur noch Ruinen sind, ist die Lage und die Konstruktion dieses Mühlenensembles spektakulär. Der Hang der Schlucht ist extrem steil, so dass die obere Mühle praktisch in der Felswand klebt. Der konische Arubah ist dementsprechend sehr hoch. Die Lasermessung vom Boden der ehemaligen Mahlstube bis zum Schachteinlauf beträgt 20 m. Die Druckhöhe bis zum Austritt in der niedrigen Radkammer beträgt also 21 m (!).
Weder aus der Literatur noch aus eigener Anschauung ist uns eine Mühle mit einer solchen Fallhöhe bekannt. Normalerweise bewegt sich diese bei Arubah-Mühlen zwischen etwa 6 und 12 m. Der Arubah (Schachtturm) ist eine sehr ästhetische schlanke Konstruktion, sorgfältig aufgemauert und in gutem Zustand.
Die Leitungsmauer hat oben am Hang einen gemauerten Rundbogen-Durchlass. Das Wassergerinne hat einen Querschnitt von nur 38 cm. Aufgrund der großen Druckhöhe arbeitete die Mühle mit einem sehr geringen Wasserdurchfluss wohl auch in den trockenen Sommermonaten. Das Wasserrad befindet sich heute nicht mehr in situ. Der eiserne gekerbte Reifen des (hölzernen) Horizontalrades liegt heute in der Ruine der unteren Mühle. Der runde Wasserschacht dieser Mühle hat eine Druckhöhe von immerhin auch noch ca. 9,30 m.
Das Mühlengebäude ist etwas größer als die Mahlstube der oberen Mühle. Sie hat mehrere Räume und einen Kamin, so dass hier wohl auch der Müller übernachtet haben dürfte. Ob sich hier, wie in einem Web-Beitrag zu lesen ist, eine Einrichtung für eine Tuchwalkmühle befand, dafür fanden wir keine Anhaltspunkte. Weiter oben in der Schlucht befindet sich im Talgrund eine weitere Wassermühle desselben Typs. Deren Wasserschachtturm und Leitungsmauer haben wir aber nur von weit oben von der Fahrstraße von Mirthios nach Sellia aus gesehen und die Mühle nicht mehr weiter untersucht.

© Dr. Ralf Kreiner (RMDZ), Elfriede Plaum 2016.